Ela ~ Die Bäuerin

Sie erwachte. Ohrenbetäubender Lärm. Brandgeruch. Schreie Sterbender hallen durch das weite Tal.
Sie greift um sich. Als suche sie etwas wichtiges. Gehetzter Ausdruck in ihren blauen Augen. Sie findet es nicht.

Sie erhebt sich, geht zum leicht angefrorenem Fenster. Hört wieder Geräusche. Sie denkt, ohjeh, Mist, Alma die Kuh hat Hunger und das Feuer im Kamin ist auch aus. Schnell entfacht sie wieder das Feuer um die Reste der kalten Winternacht zu vertreiben. Wirft sich ihren einfachen Kittel über, streift die Schuhe an und geht hinaus um die Tiere ihres Bauernhofes zu versorgen.

Verstört denkt sie an den Traum der letzten Nacht. Es schaudert sie, nicht nur von der Kälte.

Was ist mit diesem Traum? Er kehrt immer wieder zurück in ihren Schlaf und raubt ihr die Ruhe.
Welch eine Bedeutung hat er? Haben Träume Bedeutungen?

Zu schwer ist die Arbeit des Tages um weiter den Träumen nach zu hängen.

Die Bäuerin Ela auf ihrem Hof

Gewissenhaft werden die Tiere versorgt. Die Eier der Enten und Hühner eingesammelt. Gisbert, das Schaf kann noch nicht geschoren werden, wie sie mit einem Blick feststellt. Alma muss gemolken werden, da trifft es sich gut, das der neue Küchenchef des neuen Königshofes hier war und sich für den Käse interessierte. Vielleicht kann ich zum Hoflieferant werden, denkt sie, es wäre eine gute Einnahmequelle, eine sichere dazu. Bei diesem Gedanke beginnt sie leicht zu lächeln, stellt sich das neue Schild vor: „Elas Landei, Lieferant ihrer Majestät“. Hör auf zu träumen, arbeite lieber, ermahnt sie sich selbst. Beim melken von Alma fällt ihr Blick auf den Leuchtturm. Anna, die Nachbarin wacht hier über unser aller Sicherheit. Seit sie da ist, kamen keine ungebetenen Besucher mehr. Aber heute schläft sie wohl noch, denkt sie ein bisschen neidisch, ja, schlafen bis in die Puppen und Urlaub ohne Ende……das wär schon was, sie könnte mir ruhig ein paar Tage abgeben. Trotzdem ist sie zufrieden mit ihrer Arbeit, dem naturverbundenem Leben, dem Umgang mit den lieben Tieren.

Seit wann sie hier ist? – weiß sie nicht. Erinnerungen an die Kindheit? – keine. Wie oft versuchte sie sich an ihre Eltern zu erinnern, ihre Brüder, ihre Schwestern, die sie sicher hatte, aber es ging nicht. Irgendwie war alles weg, ausgelöscht, vernichtet. Vernichtet – wieder sieht sie Bilder von Feinden, hört Schreie, Krieg, Tod – Gedankenfetzen tauchen auf wie Schatten und verschwinden genauso schnell. Zu schnell um sie fassen zu können.

Es klopft an der Tür. Laut. Sie öffnet. Oh, Frau Breda, wie geht’s? Wie kann ich ihnen helfen? – 12 Eier und einen kleinen geräucherten Schinken bitte. Aber gerne, froh über das gute Geschäft schon am Morgen. Schnell holt sie die Sachen aus dem Vorratsraum und gibt ihr die Ware. „Gut, das sie immer gleich bezahlt und nicht versucht zu handeln“ denkend steckt sie die paar Kreuzer in die Tasche ihres Kittels. Das Geld wird gebraucht, ein neues Kleid ist fällig. Gute Stoffe kann sie sich nicht leisten.

Sie beschließt, am Nachmittag in die Stadt zu gehen und bei Lady Chrissie sich die neuen Kleider anzusehen. Vielleicht ergibt sich auch die Gelegenheit Lady Delphi selbst zu treffen und wegen eines Verkaufsstandes am Markt nachzufragen. Der Weg zum Hof ist weit und für die Städter wohl zu beschwerlich.

Sie putzt die Schuhe, zieht ihr bestes Kleid an, bürstet das lange Haar und geht los. Sorgfältig verriegelt sie das Tor, ihre Tiere sind alles was sie hat. Als sie am Leuchtturm vorbeikommt sieht sie nach oben. Die Glocke, mit der Alarm ausgelöst wird ist gut zu sehen. Zum Glück musste sie noch nie läuten. Alarm – Schemen, Menschen, große Menschen, Menschen mit sehr bleicher Haut, schlank, sehr schlank – Menschen?

Verstört erreicht sie den Marktplatz. Geschäftiges Treiben überall, die Gaukler sind da. Welch eine schöne Überraschung, sie liebt die Spiele und Scherze der freundlichen Leute. Sie sieht sich um. Das Kleid?  Ach, das kann noch warten. Ein Gaukler tritt ihr lachend in den Weg. „Schöne junge Frau, versucht euer Glück, der Preis ist ein Huhn…….lebendig.“ „Oh, ein lebendiges Huhn als Preis?“, das würde ihr gefallen. „Sagt, was muss ich dafür tun?“ „Nun, es ist eigentlich ganz einfach, ihr seht die Holzwand dort?“, deutet Richtung Meer, „Die Scheibe mit dem Gesicht darauf, ihr seht?“ „Ja, aber groß ist die nicht gerad“ „Mit Pfeil und Bogen müsst ihr einen Apfel treffen, den meine Kollegin Samyaa auf die Scheibe oben legen wird. Ihr seht, es ist ganz leicht“ erklärt grinsend der Gaukler. „Leicht?“, entfährt es ihr, „ich hab noch nie mit Waffen was zu tun gehabt, mit dem Bogen schon gleich gar nicht“. „Was habt ihr zu verlieren, holde Maid? Trefft ihr, ist das Huhn euer, trefft ihr nicht, nun, ihr habt jetzt auch keins“. „Das ist allerdings wohl wahr, eine Chance auf ein Huhn ist besser als sicher kein Huhn. Gebt mir den Bogen“. Er reicht ihr lachend Bogen und Pfeil. Sie nimmt den Bogen in die Linke, legt den Pfeil mit einer flüssigen Bewegung auf die Sehne, spannt schnell den Bogen während sie sich dem Ziel zu dreht, kurz anvisiert und den Pfeil fliegen lassen.

Fassungslos betrachtet sie den Gaukler, das Huhn, ihre Hände, die zuvor noch nie einen Bogen hielten, ihre Schuhe und zum Schluss den sauber in zwei Hälften geteilten Apfel. Mit säuerlichem Grinsen überreicht der Gaukler ihr den Preis, „Ich sagte euch, es ist ganz leicht“.  Das etwas ältere Huhn betrachtend, fragt sie „Es hat wohl schon länger niemand mehr gewonnen?“, nimmt das Huhn und geht nach Hause. Das Kleid und Lady Delphi sind vergessen. Zu groß ihre Verblüffung über das Schießen mit dem Bogen. Bogen – Kampf, Tod, Gelächter, Freunde, große Menschen mit seltsamen Ohren, Familie?

Wie sie nach Hause kommt? Weiß sie nicht. Die vielen Gedanken lähmen sie, lassen sie ihre Umwelt vergessen.

Nachdem sie die Tiere für die Nacht versorgt hat setzt sie sich in ihre Hütte und hängt den Gedanken des Tages nach, sie lassen ihr keine Ruhe. Als sie einmal zu einem Fenster hinaus sieht, bemerkt sie, dass sich eines der seltenen Wintergewitter zusammen braut. Während sie überlegt, ob alles in Sicherheit ist, erhellt ein Blitz die in der Dämmerung liegende Umgebung. Der folgende Donnerschlag lässt sie zusammenfahren. Donner – Kampfgetöse, Kameraden, Freunde, Hilfe, Elben, Tod.

Der nächste Blitz spaltet den neben dem Haus stehenden Eichenbaum, Jahrhunderte stand er dort und spendete im Sommer Schatten. Blitz – Elben, Familie, Freunde, Hohe Elbe, Verrat, Magie, Blitz…….

Dunkelheit

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