Leonies Geschichte

Es war dunkelste Nacht als sie sie holten. Die gehetzt klingenden Stimmen der Männer verstand sie nicht, Sie fühlte nur, dass etwas Besonderes, etwas besonders schlimmes, geschah. Sie spürte, wie man sie die Anhöhe hoch trug, ängstlich die Augen verschlossen haltend. Oben angekommen hörte sie viele Stimmen, spürte den warmen Schein eines Feuers auf ihren Wangen. Sie öffnete die Augen, sah viele ängstliche Gesichter. Die meisten kannte sie. Dann blickte sie in das ernste Gesicht ihrer Mutter und fragte: „Mami, müssen wir alle sterben?“

„Sie kooooommmmmmt !!!!!!!!!“. Im Licht des Mondes konnte man sie erkennen. Schneller als man es rufen konnte war sie da. Unvorstellbar, gigantisch. Sie spülte alles weg, einfach alles was sich ihr in den Weg stellte. Das Wasser der Riesenwoge brach sich an dem Hügel und teilte sich auf. Zum Glück war der Hügel hoch genug und die Leute wurden nur durchnässt.

Erleichterung, als sich das Wasser wieder verzogen hatte. Die Anspannung der Leute fiel ab. Frauen weinten, Männer sahen stumm ins Leere.

Als der Morgen graute konnte man die Ausmaße der Verwüstung erkennen. Es war still, totenstill. Die den Einwohnern der Insel Bartosia bekannten Geräusche gab es nicht mehr. Kein Heulen des Windes, keine brausende Brandung, keine den Tag zwitschernd begrüßenden Vögel. Es war still, totenstill.

Ein Blick hinab ließ die schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Das einst blühende Bartosia hatte aufgehört zu existieren. Die Fischerboote, die wichtig zur Versorgung der Bürger sowie für den Handel waren, lagen zerschmettert auf den weiten Feldern. Die Felder, überflutet; das Vieh, tot; Häuser gab es nicht mehr. Wälder, umgeknickt wie trockenes Gras im Herbst. Wege waren nicht mehr erkennbar. Die Flut hatte alles hinweg gespült, auch die Menschen, Freunde und Verwandte, die die schützende Höhe nicht mehr erreichen konnten. Sie machte keine Ausnahmen.

„Wie wird es weiter gehen“, mit festem Blick fragte Fairy ihren Mann Horgar. „Ich weiß es nicht“, die traurige Antwort, „Wir werden wieder neu beginnen, alles aufbauen, was wir verloren“. Stumm nickt sie.

„Was wird mit ihr?“, besorgt und liebevoll sieht sie zu ihrer kleinen Tochter. „Für Leonie wird es hier die nächste Zeit sehr schwer werden und wir können uns nicht ausreichend um sie kümmern. Du weißt doch, ich habe eine Schwester, sie bewirtschaftet einen kleinen Hof in Carima, vielleicht könnte sie dort eine Zeit lang bleiben, bis hier wieder alles besser ist“. „Eine gute Idee, wir sollten sie fragen, auch wenn mir die Kleine fehlen wird, aber es ist wohl besser so“.

Ein Bote wurde losgeschickt, die Nachricht der Bäuerin in Carima zu überbringen. Die Tante war gerne bereit, die Fürsorge für Leonie zu übernehmen, konnte sie ihrer Schwester doch sonst nicht weiter helfen.

So geschah es, dass in der 11. Woche des Jahres ein 5 jähriges Mädchen neugierig, mit ihrem kleinen Koffer in der linken und Wusel in der rechten Hand, die Planken eines Schiffes verließ, das zu den ersten gehörte, die den provisorischen aufgebauten Hafen Bartosias anlaufen konnten. Freudig wurde sie von ihrer Tante in Empfang genommen, die seitdem zu verhindern sucht, dass Leonie all zuviel anstellt.

Sollte euch die Kleine zu sehr auf den Keks gehen, denkt bitte daran, welch Vergangenheit sie hinter sich hat.

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. tarina
    Mai 18, 2011 @ 23:00:30

    Eine sehr schöne und traurige Geschichte, die bestimmt noch uns im RP irgendwie begegnen wird

    Antwort

  2. Matisha Morane
    Mai 19, 2011 @ 08:30:40

    Auf der großen Wiese, auf der sonst die Ritter das Kämpfen übten, sah sie die kleine Leonie mit etwas ballartigem spielen. Matisha stand auf ihrem Balkon und schaute nachdenklich auf dieses kleine, manchmal vorlaute, aber trotzdem immer liebenswerte Mädel. Nun, da sie die ganze Wahrheit kannte, hatte sie plötzlich Zweifel an der Notwendigkeit, die traditionellen altbewährten Methoden der Kindererziehung in den Schulen auch selbst anzuwenden. Im Einvernehmen mit dem Königshaus sollte Sie, Matisha, die Herzogin bei der schulischen Lehre und Erziehung Leonies unterstützen. Und natürlich wollte sie es wieder mal perfekt machen. Aber war Perfektionismus hier wirklich der richtige Weg?! War es wirklich das Beste für dieses Kind, streng aber gerecht unterrichtet zu werden?!
    In Gedanken versunken starrte sie ins Leere. Sie wusste, dass seit der Ankunft des Mädchens auch eine neue Art Fröhlichkeit in die Stadt eingezogen war und wie sehr sie alle Leonie vermissen würden, wenn sie eines Tages wieder…
    Sie entschloss sich, einen anderen Weg zu gehen, als es seit altersher üblich war.
    Im vorbeigehen wirft sie den Rohrstock, den sie sich eh` nur aus Klischeegründen beschafft hatte, in den brennenden Kamin.

    Antwort

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