Tarina ~ Wanderin zwischen den Welten

Tarina wachte mit schmerzverzehrten Gesicht auf. Erst wusste sie nicht, wo sie war und was geschehen war. Verwirrt blickte sie sich um. Sie lag auf einem Bett in einem kleinen Raum. Es roch hier merkwürdig nach Kräutern. Um Sie herum vernahm sie ein Stöhnen und leises Wimmern. Ganz dunkel kamen ihre Erinnerungen an den Tag zuvor zurück. Sie hatten das dunkle Schloss gestürmt. Lady Jasmina, Lady Canidio und noch einige andere Verbündeten, die gegen den neuen Herrscher Sir Sergio  agierten, waren ins Schloss eingedrungen.  Sie sollte eigentlich als Heilerin im Lazarett zurückbleiben und auf die Verletzten warten. Aber sie wusste selber nicht mehr welcher Teufel sie geritten hatte, denn sie hatte sich selber in Gefahr begeben um die Verletzten aus dem dunklen Schloss zu holen. Sie hatte viele Tote und Verletzte gesehen, die überall verstreut herumlagen. Ein Bild des Grauens. Plötzlich sah sie einen Schatten hinter sich und es flogen die ersten Pfeile ihr um die Ohren. Verzweifelt versuchte sie zu fliehen. Auch wenn sie mit einem Schwert bewaffnet war, gegen diese Pfeile hatte sie keine Chance. Ein paar ihrer Gegner konnte sie noch niederstrecken. Kurz bevor sie die rettende Tür nach draußen erreichte, wurde sie von einem Pfeil in den Rücken getroffen. Verzweifelt versuchte sie ihn rauszuziehen. Doch es folgten ein 2 + 3. Getroffen fiel sie zu Boden und ihre Sinne schwanden.

An die Zeit danach konnte sie sich nur verschwommen dran erinnern. Irgendjemand brachte sie raus. Wer es war und unter welchen Gefahren, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Man brachte sie ins notdürftig aufgebaute Lazarett in der Nähe des Hafens. An die Schmerzen, die man ihr bereitete, als man die Pfeile aus ihrem Rücken zog, konnte sie sich heute noch erinnern. Die Wunden waren wohl noch nicht ganz verheilt, da sie immer noch solche großen Schmerzen hatte. Doch wie viele Tage mochten in der Zwischenzeit vergangen sein? Sie wusste es nicht.

Wie war die Schlacht ausgegangen? Wer von ihren Freunden waren verletzt oder sogar getötet worden? Wie würde es jetzt weitergehen? Alle möglichen Fragen schossen ihr durch den Kopf. Vorsichtig setzte sie sich unter Mühen auf und blickte sich um. Es mochten vielleicht 10 oder 20 Verletzte im Raum liegen. Die Heiler hörte sie im Nebenraum hantieren. Mit einem Schrecken fuhr sie zurück, als sie erkannte wer im gegenüberliegenden Bett lag. Es war Sir Elyion. Er lag bewegungslos auf seinem Lager. Ein paar Betten weiter erkannte sie Lady Jasmina. Auch sie schien schwerverletzt zu sein. Eine ungewöhnlich Bleiche beschattete ihr Gesicht. Hätte Tarina das blonde Haar nicht erkannt, hätte sie gar nicht gewusst, wer dort gelegen hätte.

Eins war Tarina in dem Moment klar. Wenn Sir Elyion, Lady Jasmina und noch so viele andere verletzt worden waren, musste die Schlacht verloren sein. Es gab für sie keine andere Möglichkeit. Sie fragte sich was mit Lady Canidio war. War sie tot? Lag irgendwo schwerverletzt noch im dunklen Schloss?

Traurigkeit überfiel sie. Was sollte nun geschehen? Wer weiß was der neue Herrscher Sir Sergio mit den Aufständischen machen würde. Nur dunkel konnte sie sich an die von ihm verfügten neuen Gesetze erinnern, die sie flüchtig überflogen hatte. Harte Strafen drohten schon bei den kleinsten Vergehen.

Nein wenn das so war, dass die Schlacht verloren war, dann wollte sie auch nicht länger hier bleiben. Wer weiß was aus der Gilde der Magier wurde, wenn Lady Canidio und Sir Elyion nicht mehr da waren. Gab es die Chance, dass Sir Elyion überlebte? Es kam ihr Zweifel auf, bei dem Anblick der er ihr bot. Lady Canidios Verbleib war ungewiss.

Andererseits dachte sie an Eragon, ihr geliebter Waldelb, den sie von Herzen liebte. Er war mehrere Tage auf Reisen. Konnte sie ihn allein lassen? Würde ihre Flucht nicht als Verrat bei den Magiern aussehen, wenn es doch weiterginge? Zweifel überschatteten ihr Gesicht.

Schon einmal war sie auf der Flucht gewesen. Damals als ihr Onkel ihren Vater getötet hatte und ihr Leben in Gefahr schien. Alle Erinnerungen daran kamen mit einem Mal zurück. Fast hätte sie diese schlimme Zeit vergessen. Nun kamen alle Gefühle zurück. Sie hatte sich so wohl gefühlt hier in Carima. Lady Canidio und Sir Elyion waren für sie wie Eltern gewesen. Sir Crow, Lady Xan und all die anderen Magier waren für sie wie eine große Familie gewesen, die sie nie hatte. Wollte sie wirklich diese Familie im Stich lassen?

Aber andererseits wusste sie auch, dass ihr Leben nun in großer Gefahr stand. Würden die anderen auch so handeln? Sie dachte an Königin Linde, die nach dem Sturz auf unerklärlicher Weise aus Carima verschwunden war. Auch sie war auf der Flucht. Viele hatten das Land verlassen. Der Sturm des dunklen Schlosses war ihre einzige Möglichkeit gewesen, dieser Gewaltherrschaft entgegen zu wirken und sie hatten versagt.

„ Ich muss fliehen.“ Murmelte Tarina vor sich hin. „Das nächste Schiff, das den Hafen verlässt ist meins. Egal wohin.“ Eragon? Wieder dachte sie an ihren geliebten Waldelben. Jasmina? Canidio? Elyion? Immer wieder dachte sie an ihre Freunde, die sie im Stich lassen würde. Insgeheim hatte sie aber schon einen Ausweg im Kopf. Sie war schließlich Magierin, auch wenn es noch nicht lange her war, dass sie ihre Ausbildung beendet hatte. Was hatte alles Sir Elyion in seinem Unterricht ihr beigebracht? Ich werde zwischen den Welten hin- und her wandern. Die Macht der Magie wird mir die Kraft geben. Wo sie auch immer gebraucht würde, sie ist da.

Unter Schmerzen aber mit eisernem Willen und einem Ziel vor Augen schwang sie ihre Beine aus dem Bett. Etwas schwankend stand sie nun mit beiden Beinen auf dem Boden. Als der Schwindel sich

gelegt hatte, schlich sie sich noch mal zu den Betten von Sir Elyion und Lady Jasmina. Kurz streichelte sie über ihre Hände um sich zu verabschieden. Leise sprach sie zu beiden „Ich lasse euch nicht im Stich, ich komme wieder.“ Vorsichtig schlich sie sich unbemerkt aus dem Lazarett.

Den Hafen erreichte sie mit Mühe. Ihre Verletzungen waren doch zu stark. Dort angekommen, lag ein einziges Schiff im Hafen. Sie steuerte darauf zu. An Bord fragte sie einen Matrosen nach dem Captain. Der Matrose brachte sie unter Deck in die Kapitänskajüte. Ein großer hagerer Mann stand als Captain vor ihr.

„Was kann ich für euch tun?“ fragte er sie.

„ich möchte euch auf eurer nächsten Fahrt begleiten. Egal wohin. Nennt mir euren Preis.“

„Eine Frau an Bord?“ sagte er kopfschüttelnd.“ Das bringt nur Unglück. Ich nehme keine Weiber an Bord. Das bringt nur Ärger und Unruhe unter meinen Matrosen.“

„Bitte. Ich zahle euch jeden Preis und ich könnte euch behilflich sein?“

„Behilflich? Pah. Wie könnt ihr mir denn behilflich sein?“ abfällig schaute er auf sie hinab.

„Nun ich bin Heilerin. Wenn eure Mannschaft erkrankt ist, ich kenne mich aus und würde sie pflegen.“

Kurz überlegte der Captain.

„Nun gut. Wie ich sehe, seid ihr eine Frau der Tat und wie es mir scheint, meint ihr es ehrlich. Es geschieht nicht selten, dass wir Kranke und Verletzt an Bord haben. Gut ich nehme euch mit. Den nächsten Hafen den wir anlaufen werden ist Carima Stadt oder so ähnlich. Dort habe ich bereits Leute von hier vor einigen Wochen hingebracht. Pikfeine Leute sage ich euch.“

„Leute von hier?“ Tarina überlegte kurz.

„Das kann nur unsere Königin gewesen sein und ihre engsten Vertrauten.“

„Das kann sein, das interessiert mich auch nicht.“

„Bis dahin werde ich euch begleiten und dort euer Schiff verlassen.“

„Nun gut. Für die Fahrt nehme ich 700 Silbermünzen. Für Verpflegung habt ihr selber zu sorgen oder die Extras zu bezahlen. Leider kann ich euch keine separate Kajüte anbieten. Das einzige was ich euch anbieten kann, ist ein Lager in der Kombüse.

„Das ist ein Wucherpreis, den ihr mir da nennt.“

„Zahlt mir diesen oder ihr bleibt hier.“

Zähneknirschend suchte Tarina in ihrer Tasche nach ihrem Geldbeutel. Mehr als 500 Silbermünzen wusste sie, hatte sie nicht dort drinnen.

„Nehmt bitte das und den Rest werde ich abarbeiten. Und wenn ich das Deck von morgens bis abends schrubbe oder eurem Smutje bei der Küchenarbeit behilflich bin. Mehr habe ich nicht.“

Sie schaut den Captain flehend an.

Der Captain schaute in den Geldbeutel und zählte das Geld nach.

„Nun gut. Es fehlen zwar 200 Silbermünzen, aber ich bin kein Unmensch. Ich nehme euch mit. Welche Aufgaben ich euch hier noch zuteilen werde, damit ihr eure Schulden abarbeiten könnt, werden wir sehen. Meldet euch bei meinem ersten Offizier. Er wird euch alles Weitere zeigen. Und vor einem warne ich euch gleich. Verdreht meinen Männern nicht den Kopf. Bekomme ich das mit, verspreche ich euch eines, auch wenn ihr eine Frau seid, werfe ich euch den Haien zum Fraß vor.“

„Da braucht ihr keine Angst zu haben.“

„Nun verlasst meine Kabine.“

Die nächsten Wochen waren die Hölle. Der Captain erwies sich als reinster Tyrann und ließ es sie spüren. Er beharrte auf seine 200 Silbermünzen und natürlich auf Bezahlung alles was sie verzehrte. Jeden Tag musste sie das Deck bis zum Umfallen schrubben. Die Matrosen lachten schon über sie und warfen ihr gierige Blicke zu. Bis oft in die Nacht schrubbte sie die Kartoffeln für den Smutje.

Ihre Hände zeigten Blasen die sie abends nach getaner Arbeit mit Kräutertinkturen behandelte. Todmüde fiel sie anschließend auf ihr Lager und war im nu eingeschlafen. Die Strafarbeit, die damals Lady Canidio aufbürdete, war damals die reinste Erholungskur im Gegensatz zu hier.

Und dann kam der Tag an dem sie von Piraten überfallen wurden. Aus dem Nichts tauchte es auf einmal auf. Sie verteidigten sich wie die Löwen. Erfolgreich schlugen sie die Piraten in die Flucht. Viele waren schwer verletzt. Am schlimmsten hatte es den Captain erwischt. Tarina kümmerte sich um die Verletzten und den Captain. Tagelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Aufopfernd saß sie an seinem  Bett. Sie brach fast vor Erschöpfung und Müdigkeit zusammen, denn sie hatte ja auch noch die verletzten Matrosen, um die sie sich kümmerte.

Endlich kam der Tag, an dem es dem Captain besser ging. Das Fieber war gesunken und die Wunden begannen zu heilen. Tarina atmete erleichtert auf.

„Ich danke euch.“ Sagte er als er die Augen aufschlug. „Ich weiß, ich habe euch viel Unrecht getan, weil ihr eine Frau seid. Bitte verzeiht mir.“

Tarina lächelte.“Ich habe nichts zu verzeihen.“

Von dem Tag änderte sich das Verhalten des Captains. Das Leben an Bord wurde zum Paradies. Tarina wurde wie eine Königin verehrt. Selbst der Captain räumte für sie seine Kajüte. Sie brauchte kein Deck mehr schrubben keine Kartoffeln mehr schälen und sie bekam die 500 Silbermünzen für die Überfahrt zurück.

Einige Wochen später erreichten sie endlich den Hafen von Carima Stadt. Es war in den späten Abendstunden an einem Sonntag. Wehmütig verabschiedete sie sich von dem Captain und seiner Mannschaft.

„Gehabt euch wohl und sichere Wege. Ich hoffe, dass ihr hier euer Glück findet. Ich hätte euch gerne hier an Bord gelassen, aber ich sehe, ihr habt euch entschlossen hierzubleiben.“

Tarina nickte.

„Habt vielen Dank. Ich habe mich sehr wohl bei euch gefühlt. Immer eine Hand voll Wasser unter dem Kiel, kann ich euch nur wünschen und geht allen Piraten aus dem Weg.“ Sagte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

„Wenn wir hier diesen Hafen noch einmal anlaufen, werde ich mich nach euch erkundigen und dann lade ich euch auf einen Becher voll rum ein.“

Tarina stieß ein Lachen aus und nickte.

Sie verließ das Schiff und winkte den Matrosen noch einmal freundlich zu. Im Hafen hörte sie von einigen Menschen, denen sie begegnete von einer Audienz, die in der 8. Abendstunde im Schloss stattfinden sollte. Königin Linde wurde mehrmals erwähnt.

„Hier also bin ich richtig. Vielleicht kann ich mich hier als Heilerin niederlassen und sicherlich braucht  ihre Majestät auch eine Magierin.“ Dachte sie.

Mehrmals ließ sie sich den Weg zum Schloss erklären. Endlich war sie angekommen und brauchte sich nicht mehr fürchten, aber Carima würde auch weiterhin ihre Heimat bleiben und Eragon würde sie auch weiterhin sehen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht erreichte sie das Schloss fast pünktlich zum Beginn der Audienz.

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